Dass Psalm 23 zu den bekanntesten Texten der Bibel gehört, merkt man daran, wie schnell man ihn wiedergeben kann. Er steht auf Trauerkarten, in Andachtsbüchern, in den schweren Stunden eines Films. Der Religionswissenschaftler Mark Roncace beschreibt ihn als kulturelles Symbol, das immer wieder benutzt wird, um Hoffnung und Vertrauen zu wecken, oft ohne dass jemand genauer hinsieht (Bible Odyssey). Genau darin liegt eine Gefahr. Vertraute Worte werden stumpf, aus dem Psalm wird eine Floskel, eine Antwort, die man anruft, wenn einem nichts Besseres einfällt. Dabei ist Psalm 23 kein Versprechen, dass Wege leicht bleiben. Er ist eine Sprache für das Gehen, wenn Angst mitgeht.
Der Text
Der Psalm spricht in der ersten Person. Eine einzelne Stimme nimmt das Wort und bekennt, dass der HERR ihr Hirte ist: dass ihr nichts fehlt, dass sie lagern darf auf grünem Gras und ausrasten an Gewässern, dass ihre Seele wieder aufgerichtet wird (Lesefassung der Redaktion). Die Bilder sind vertraut: ein Hirte, eine Herde, Gras, Wasser, ein Weg. Schon hier lohnt es sich, auf die Bewegung zu achten, die der Psalm zwischen den ersten Versen und dem vierten macht. In den Versen 1 bis 3 wird über Gott in der dritten Person gesprochen: Er versorgt mich, Er führt mich, Er richtet mich auf. In Vers 4 wendet sich die Stimme an Gott selbst, in der zweiten Person: du bist mir nah, dein Stab und dein Stecken geben mir Halt (Lesefassung der Redaktion). Aus einem Bekenntnis über Gott wird ein Gespräch mit Gott. Und genau an dieser Stelle wird aus Wiese und Wasser das Tal.
Die Bilder sind dabei nicht zufällig. Wiese und Wasser stehen für das, was eine Herde zum Leben braucht. Der Hirte führt die Tiere zum Futter und zum Wasser und bringt sie am Abend in die Hürde zurück, so beschreibt es das HarperCollins-Bibellexikon. Der Hirte in diesen Versen ist kein Aufseher, der von weitem zusieht. Er weidet, er führt, er stellt das Leben wieder her: Verben der Bewegung und der Nähe. Das Tal dagegen ist das Bild eines Weges, der dunkel werden kann. Es liegt nicht neben dem Psalm, es gehört zu ihm. Wer nur die Wiese betrachtet, liest den Psalm halb. Denn der Psalm hört bei Vers 4 nicht auf. Später kommen Tisch, Becher und das Haus des Herrn dazu, die Verse 5 und 6 liegen außerhalb des heutigen Abschnitts. Genau deshalb ist es irreführend, aus dem Psalm eine Landkarte zu machen. Er ist kein Plan, auf dem man den sichersten Weg ablesen kann. Er ist ein Gebet, das den Weg begleitet.
Der Kontext
Psalm 23 gehört zur Gattung der Vertrauenspsalmen. Rolf Jacobson, Alttestamentler am Luther Seminary, beschreibt diese Gattung so: Sie wird inmitten einer Krise gesprochen und verbindet zwei Bewegungen, die Schilderung der Not und das Bekenntnis des Vertrauens (Working Preacher). Wo genau dieser Psalm entstanden ist, lässt sich nicht sicher sagen. Dass er am Königshof gedichtet wurde, ist eine Vermutung. Dass er in den Tempelgottesdienst gehörte, ist eine andere. Dass er auf die wandernde Lebensweise von Hirten zurückgeht, eine dritte. Alles das sind Hypothesen der Forschung, keine gesicherten Angaben. Der Psalm selbst sagt es nicht, und niemand unter uns weiß es. Sicher ist nur: Er ist ein Gebet, und er wurde über viele Jahrhunderte gebetet, auch dann, wenn ein Leben nicht auf der Wiese spielte.
Die Spannung
Hier liegt die eigentliche Spannung des Psalms. Er spricht von Schutz, aber nicht von Beherrschung. Der Hirte führt, doch er nimmt der Herde nicht ab, dass der Weg durchs Tal führt. Der Psalm verspricht keine sorgenfreie Biografie. Er sagt nicht, dass der Kranke gesund wird oder dass der Flüchtling ein Zuhause findet. Er sagt etwas anderes: dass im Tal eine Gegenwart mitgeht. Vorsicht ist beim Wort Schatten des Todes geboten, wie es in alten Übersetzungen steht. Brent Strawn, Professor für Altes Testament an der Duke University, weist darauf hin, dass dies wahrscheinlich die volkstümliche Deutung eines hebräischen Wortes ist, das weniger vom Tod als von tiefer Dunkelheit spricht (Bible Odyssey). Der Psalm spricht also sehr wohl von einem dunklen Tal. Er behauptet aber nicht, dass wir schon alles über die Art dieser Dunkelheit wüssten. Schutz ist nicht dasselbe wie Kontrolle. Kontrolle wollte, dass das Tal verschwindet. Schutz bleibt im Tal. Vertrauen ist nicht das Wissen, dass nichts geschieht. Vertrauen ist die Form, in der man geht, wenn man es nicht weiß. Und Vertrauen ist, so Jacobson, die Antwort auf ein Versprechen: Man kann es glauben oder nicht glauben. Die Zusage, die hinter dem Psalm steht, ist schlicht und lautet auf Deutsch ungefähr: Ich bin bei dir (Lesefassung der Redaktion). Auf diese Zusage stützt sich die Stimme, ohne dass das Tal dadurch verschwindet.
Heute
Der Psalm löst nicht jede Notlage in dieselbe Formel auf. Krankheit ist nicht dasselbe wie Flucht. Angst vor dem nächsten Schritt ist nicht dasselbe wie ein Abschied. Wer im Krankenhaus liegt, trägt etwas anderes als jemand, der seine Heimat verlassen musste. Der Psalm eignet sich nicht dazu, diese Unterschiede zu verwischen. Er bietet aber jeder dieser Erfahrungen eine Sprache an: die Erlaubnis, das Tal auch Tal zu nennen. Das ist weniger, als manche Predigt verspricht, und es ist mehr, als manche Trauerkarte hält. Eine Übung: Lies den Psalm langsam laut und mach beim Wort Tal eine Pause. Oder benenne in einem Satz die Stelle, an der dein Weg gerade eng wird. Zwei Fragen können dabei helfen. Erstens: Wo wird mein Weg gerade eng, und darf ich das aussprechen, ohne mich dafür zu schämen? Zweitens: Mit wem gehe ich diesen Abschnitt, und wer geht mit? Der Psalm betet im Einzelnen, aber er denkt an die Herde. Wer wäre heute bereit, mitzugehen, wenn der Weg eng wird?