Geschichten
Geschichten einer Kirche im Wandel
Der Glaube in Deutschland wurde nie von einer einzigen Kirche getragen. Unsere kurze Erzählung fragt, wer in dieser Geschichte vorkommt, und warum sie bis heute umstritten ist.
Wer heute die Kirche in Deutschland sagt, meint meist zwei große Institutionen: die römisch-katholische und die evangelische. Das war nie selbstverständlich. Wer diese Geschichte erzählt, muss fragen, wer in dieser Erzählung vorkommt und wer nicht: Juden und Jüdinnen, orthodoxe Christen, Freikirchen, und später immer mehr Menschen ohne Bekenntnis. Das Christentum in dem Gebiet, das später Deutschland heißt, hat sich nie gleichmäßig ausgebreitet. Es ist aus römischen Provinzen, fränkischer Herrschaft, Mission und aus Gewalt entstanden. Es gibt kein Datum, an dem eine christliche Nation anfing.
Eine Bekehrung über Jahrhunderte, nicht über Nacht
Die Christianisierung der germanischen Gruppen war ein langer, ungleicher Prozess. Die Forschung beschreibt ihn ausdrücklich als verstrickt: Der Einsatz von Gewalt und die Verflechtung mit Eroberungsabsichten kennzeichneten immer wieder die Christianisierung im Mittelalter (Kamp und Kroker 2013). Die Sachsenkriege Karls des Großen, 772 bis 804, verbanden Unterwerfung und Taufe; wie viel davon die Menschen als Zwang erlebten und wie viel sie sich aneigneten, ist bis heute umstritten. Vieles blieb daneben bestehen: Heilige, Orte, Bräuche wurden nicht neu erfunden, sondern überschrieben. Mission, Herrschaft und Anpassung lagen nah beieinander. Wer das als geradlinige Erfolgsgeschichte erzählt, übersieht, wie viel Verlust, Zwang und eigenes Weiterleben darin steckten.
Konfession wird zur Sache des Territoriums
Die Reformation war keine saubere Gründung. Martin Luther wurde im Januar 1521 durch eine päpstliche Bulle exkommuniziert und im März 1521 zum Reichstag nach Worms geladen; dort traf er im April 1521 auf Kaiser Karl V. Das Wormser Edikt belegte ihn mit der Reichsacht und ordnete die Verbrennung seiner Schriften an. Über der reformatorischen Bewegung hing, wie die bpb formuliert, bis zum Religionsfrieden von 1555 ein Damoklesschwert. 1530 überreichten die Lutheraner auf dem Reichstag zu Augsburg ihre Bekenntnisgrundlage, die Confessio Augustana; ein Jahr später gründeten sie den Schmalkaldischen Bund. Der Reichsabschied von Speyer 1526 legte die Grundlage dafür, dass die Landesherren über den Glauben ihrer Untertanen entschieden und evangelische Fürsten mit Billigung Luthers zu Notbischöfen wurden. Dieses landesherrliche Kirchenregiment hielt sich im protestantischen Mitteleuropa bis 1918.
Der Augsburger Religionsfrieden von 1555 machte aus dieser Entwicklung eine reichsrechtliche Regel: Die Landesobrigkeit durfte zwischen der katholischen und der lutherischen Konfession wählen, und wer sich aus Gewissensgründen nicht fügen konnte, durfte auswandern. Die Formel cuius regio, eius religio fasst das später zusammen. Zugleich blieb vieles strittig: Calvinisten waren nicht gedeckt, Reichsstädte und geistliche Gebiete bildeten Ausnahmen. Der Frieden war ein Kompromiss, kein Anfang einer friedlichen Zukunft; erst das konfessionelle Zeitalter, um 1550 bis 1650, folgte. Dass ein Auswanderungsrecht hier eine Wurzel dessen hat, was später Menschenrechte genannt wurde, ist eine These, die die bpb ausdrücklich als eine spezifisch deutsche bezeichnet.
Hinzu kommt ein bis heute offener Streit: Luthers Lehre von der weltlichen Obrigkeit, sein hartes Urteil im Bauernkrieg 1524/25 mit über zwanzigtausend Toten und sein Kurs der Reformation von oben herab werden in der Forschung damit in Verbindung gebracht, ob evangelischer Widerstand unter dem Nationalsozialismus erschwert wurde. Das ist, so die bpb, eine These, die sich schwer beweisen lässt.
Das 19. Jahrhundert: Staat, Moderne und der Preis der Nähe
Im 19. Jahrhundert wurde der Staat zur wichtigsten Bezugsgröße der Kirchen. Der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 und der Wiener Kongress hoben die Fürstbistümer und Fürstabteien auf; die sogenannte Säkularisation kostete vor allem die katholische Seite Vermögen und Einfluss. Im Kulturkampf versuchten die deutschen Staaten seit den 1860er Jahren, den katholischen Einfluss und die Bindung der Bischöfe an Rom zu beschränken; diese Politik scheiterte politisch und wurde in den 1880er Jahren zurückgenommen. Katholiken waren lange eine Minderheit, die protestantische Dominanz des preußischen Staates prägte das Land.
Gleichzeitig entstand die enge Verbindung von Kirche und Steuer, die bis heute wirkt: Die Weimarer Verfassung von 1919 legte in Artikel 137 fest, dass es keine Staatskirche gibt, und regelte die Kirchensteuer. Diese Artikel wurden 1949 in das Grundgesetz übernommen, das den Staat bis heute Kirchensteuern für die Kirchen einziehen lässt. Für die einen war das eine bewährte Ordnung, für andere eine organisierte Nähe, die auch Abhängigkeit schuf. Wer die Kirchensteuer heute fordert, erhält sie selten ohne Debatte.
1933 bis 1945: Verstrickung statt Widerstandslegende
Die Nationalsozialisten schalteten 1933 die evangelischen Landeskirchen weitgehend gleich, indem sie die Wahlen zu einer ersten Nationalsynode nutzten; der seit 1919 verfolgte Plan einer evangelischen Nationalkirche wurde damit diskreditiert. Das Reichskonkordat vom 20. Juli 1933, unterzeichnet von Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli und Vizekanzler Franz von Papen, sicherte der katholischen Kirche Rechtsgarantien. Der Vatikan, der mit der antiliberalen und antikommunistischen Haltung des Regimes sympathisierte, erhoffte sich durch Rückzug aus der Politik Schutz; das Regime wiederum erhoffte sich Prestige und die Beschwichtigung der Kirche. Die Bekennende Kirche antwortete 1934 mit der Barmer Theologischen Erklärung vom 31. Mai 1934, die den Anspruch des Führers auf die Kirche zurückwies.
Die Bilanz bleibt nüchtern. Auf institutioneller Ebene waren die Kirchen, so die bpb, weithin unfähig, dem nationalsozialistischen Gewaltstaat wirksam Widerstand zu leisten. Der oppositionellen Bekennenden Kirche fehlten Mut, organisatorische Möglichkeiten und der aktive Rückhalt in der Bevölkerung, um der Anpassungsstrategie der NS-treuen Deutschen Christen Einhalt zu gebieten oder der systematischen Ermordung von Jüdinnen und Juden wirksam entgegenzutreten. Öffentlicher Protest blieb Einzelnen überlassen, etwa der Berliner Studienrätin Elisabeth Schmitz oder dem in Buchenwald hingerichteten Pfarrer Paul Schneider; am Widerstand beteiligten sich nur wenige. Die meisten Kirchenmitglieder blieben in ihren Gemeinden, ohne dass daraus breiter Widerstand entstand.
Teilung, Einheit und ein Land mit vielen Religionen
Nach 1945 entwickelten sich die Kirchen in Ost und West auseinander. In der DDR setzte die SED die Kirchen unter Druck: 1969 lösten sich die acht evangelischen Landeskirchen aus der gesamtdeutschen EKD und gründeten den Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR. Formal-organisatorisch gelang die Trennung, ideell nicht. Die protestantischen Gemeinden wurden eine Nische für Menschenrechts-, Bürgerrechts-, Umwelt- und Friedensgruppen, die zur friedlichen Revolution 1989 beitrugen; ohne das schützende Dach der Kirchen, so die bpb, wäre sie kaum möglich gewesen. Auch das gehört zur Geschichte, kritisch gelesen: Die SED hatte die Kirchen isoliert, ihre Mitglieder waren geschrumpft, und der Raum, den sie boten, war zugleich ein Zeichen ihrer Randlage.
Diese Teilung prägt das Land bis heute. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten in beiden Teilen bis zu 96 Prozent der Menschen einer christlichen Konfession an; in der DDR waren 81 Prozent evangelisch und knapp 14 Prozent katholisch, in der Bundesrepublik zählten 1949 rund 50 Prozent zur evangelischen und 46 Prozent zur katholischen Kirche. 1989 gehörten im Westen noch rund 85 Prozent einer der beiden Großkirchen an, im Osten hatten knapp 70 Prozent kein Bekenntnis. Heute ist Konfessionslosigkeit im Osten der Normalfall; betrachtet man die beiden Großkirchen getrennt, wird die Gruppe der Konfessionslosen inzwischen zur größten weltanschaulichen Gruppe Deutschlands.
Die offiziellen Zahlen zeigen die Verschiebung. Nach Angaben der EKD vom 7. März 2023 waren Ende 2022 rund 19,1 Millionen Menschen evangelisch, ein Anteil von 22,7 Prozent; das waren rund 575.000 weniger als im Vorjahr. Erstmals überstieg die Zahl der Austritte die der Sterbefälle, und erstmals waren evangelische und katholische Mitglieder zusammen in der Minderheit, ihr Anteil sank unter die 50-Prozent-Marke. Die bpb nennt für Ende 2022 rund 19,2 Millionen evangelische und 20,9 Millionen katholische Mitglieder, zusammen knapp 48 Prozent; allein 2022 traten über 900.000 Menschen aus, die höchste je gemessene Zahl. Die Angaben von EKD und bpb weichen minimal voneinander ab; beide sind datiert und werden hier nach der jeweiligen Quelle zitiert. Freikirchen bleiben klein: Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden zählt rund 74.000, die Freien evangelischen Gemeinden rund 42.500 Mitglieder.
Warum das heute noch umstritten ist
Kirchliche Geschichte bleibt umstritten, weil sie nie die Geschichte einer einzigen Institution war. Wer von der Kirche spricht, lässt die anderen christlichen Gemeinschaften, die jüdischen Gemeinden, die orthodoxen Kirchen und die große Gruppe der Konfessionslosen aus der Erzählung heraus. Strittig ist zudem, wie die Jahre 1933 bis 1945 erzählt werden, ob als Widerstandsgeschichte oder als Geschichte von Anpassung und Versagen. Bis heute kommen Fragen zur sexuellen Gewalt an Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Einrichtungen und zu ihrer langsamen Aufarbeitung hinzu. Und die Kirchensteuer macht sichtbar, wie eng Glaube, Staat und Geld seit dem 19. Jahrhundert verflochten sind.
Vielleicht ist es gerade diese Mehrdeutigkeit, die die Geschichte lebendig hält: Sie erzählt nicht von einem glatten Sieg des Christentums und nicht von einem glatten Ende, sondern von dem, was übrig blieb, wenn Menschen Macht, Gewissen und Glauben gegeneinander abwogen.
Quellen und Weiterlesen
- Axel Gotthard, Stationen der deutschen Reformationsgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), 2017, aktualisiert 2021 Worms 1521, Speyer 1526, Augsburg 1530, Obrigkeits- und Bauernkriegsdebatte.
- Axel Gotthard, Schlaglicht 1555: der Erste Religionsfrieden, bpb, 2017 Ius reformandi, Ius emigrandi, cuius regio eius religio, Ausschluss der Calvinisten.
- Wolfram Kinzig, Kirchen in Deutschland. Ein historischer Abriss, Aus Politik und Zeitgeschichte (bpb), 2023 Säkularisation, Kulturkampf, Kirchensteuer, Gleichschaltung, Reichskonkordat, Versagen gegenüber dem Judenmord, BEK 1969, Mitgliederzahlen, Missbrauchsaufarbeitung.
- Reichskonkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich (20. Juli 1933), German History in Documents and Images (German Historical Institute) Unterzeichnung, Ratifikation, Unterzeichner und Motive.
- Barmer Theologische Erklärung, Evangelische Kirche in Deutschland (UEK) Die Erklärung der Bekenntnissynode vom 31. Mai 1934.
- Zahl evangelischer Kirchenmitglieder sinkt erneut deutlich, EKD, 07.03.2023 Ende 2022 rund 19,1 Millionen Evangelische, 22,7 Prozent; Austritte erstmals über den Sterbefällen.
- 10. Juni 1969, Deutschland-Chronik bis 2000, bpb Gründung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, Nische der Friedensgruppen.
- Kirchenpolitik, DDR kompakt, bpb Acht Landeskirchen lösten sich 1969 unter SED-Druck aus der EKD; Bedeutung für die friedliche Revolution 1989.
- Gert Pickel, Kirchenbindung und Religiosität in Ost und West, bpb, 2020 Zahlen zu Konfessionszugehörigkeit und Konfessionslosigkeit in Ost und West.
- Martin Kroker und Hermann Kamp (Hg.), Schwertmission: Gewalt und Christianisierung im Mittelalter, Brill / Schöningh, Paderborn 2013 Zum Befund, dass Gewalt und Eroberungsabsichten die mittelalterliche Christianisierung kennzeichneten.
Alle Quellen und Informationen
Diese Erzählung ist ein kurzer, quellengeprüfter Beitrag, keine vollständige Geschichte des Christentums in Deutschland und keine Erklärung eines kirchlichen Verbandes.
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