Die Frage stellt ein Schriftgelehrter, und sie ist ehrlich gemeint: Wer ist mein Nächster? In Lukas 10,27 steht sie nicht. Dort steht die Antwort, die Jesus ihn selbst sagen lässt: Liebe Gott, liebe deinen Nächsten, liebe dich selbst (Lesefassung der Redaktion). Die Frage nach dem Nächsten, nach der Grenze der Liebe, wird erst später gestellt. Es lohnt, nicht zu schnell zum Gleichnis zu springen. Gerade die Reihenfolge ist der eigentliche Punkt.
Der Text
Der Schriftgelehrte kommt, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben zu erben. Jesus fragt zurück, was im Gesetz steht. Die Antwort des Gelehrten verbindet zwei Stellen des Alten Testaments. Deuteronomium 6,5, das Gebet Israels, gebietet, den Herrn mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft zu lieben. Levitikus 19,18 gebietet, den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Lukas ergänzt im Vers 27 noch die Liebe mit ganzem Verstand, wie die Übersetzer-Notizen von SIL vermerken, sodass vier Worte stehen für das ganze Sein: Herz, Seele, Kraft, Verstand.
Das Zitat leistet etwas Wichtiges. Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Menschen werden nicht auseinandergenommen, sondern als eine Bewegung verstanden, die von Gott ausgeht und auf den Nächsten zielt. Und sie zählt den, der liebt, selbst mit: Den Nächsten lieben wie dich selbst. Wer sich selbst aus der Liebe herausnimmt, hat das Gebot halbiert, nicht erfüllt.
Der Gelehrte aber will sich rechtfertigen und fragt: Und wer ist mein Nächster? Darauf erzählt Jesus das Gleichnis. Dabei ist festzuhalten, was das Gleichnis macht und was es nicht macht. Es beantwortet die Frage nicht wortgleich, es dreht sie um. Am Ende fragt Jesus nicht mehr, wer der Nächste des Überfallenen ist, sondern wer sich als Nächster erwiesen hat. Der Schriftgelehrte antwortet: der, der Barmherzigkeit gezeigt hat. Das Gleichnis ist also nicht einfach das Bild zum Vers. Es verlagert den Blick, vom Objekt der Frage zum Subjekt der Tat.
Der Kontext
Lukas erzählt Jesus auf dem Weg nach Jerusalem. Im selben Kapitel hat er zuvor die Siebzig ausgesandt, und die Hörer sind Menschen, die das Gesetz kennen und die Bilder der Straße nicht undeuten. Das Gleichnis spielt auf der Straße von Jerusalem nach Jericho, einer Strecke, auf der nach Lukas Räuber lauern. Ein Priester geht vorbei, ein Levit geht vorbei, ein Samaritaner hilft.
Der Samaritaner gehörte zu einer Gruppe, deren Abstammung auf Jakob zurückgeht und die die Tora achtet, die aber in gespanntem Verhältnis zu den Judäern lebte. Jürgen K. Zangenberg, Professor an der Universität Leiden, schreibt, dass sich ein Samaritaner, der so um einen verletzten Juden sorgt, nach allem, was man über das gespannte Verhältnis weiß, höchst unwahrscheinlich ausnimmt. Für die Hörer war die Pointe deshalb nicht ein freundlicher Fremder, sondern eine Provokation: Der Hilfsbereite war der, den man gering schätzte. Zangenberg deutet die Absicht des Lukas so, dass er die Leser anstacheln will, damit sie handeln, ehe der verachtete Samaritaner besser dasteht als sie.
Dabei ist Vorsicht geboten, um kein Klischee zu bedienen. Die Erzählung stilisiert keine Gruppe zum sauberen Vorbild und keine andere zum Versagen. Sie verhandelt die Erwartung, wer überhaupt als hilfsbereit gelten darf. Der Samaritaner ist nicht deshalb gut, weil er Samaritaner ist, sondern weil er der ist, der anhält, unter Leuten, von denen man es nicht erwartet. Priester und Levit, so die Auslegung von Amanda Brobst-Renaud, kannten die Tora und das Gebot, zu helfen, aber sie gingen vorbei. Amy-Jill Levine, so verweist sie, lehnt die Entschuldigung der rituellen Reinheit ab, weil die Erzählung ihnen keinen Ausweg lasse.
Die Spannung
Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu dir selbst, das wird gelegentlich so gelesen, als sei die Selbstauslöschung die Tugend. Der Vers sagt das nicht. Wie dich selbst wird als Maßstab gesetzt, nicht als Gegenleistung, aber es steht da. Wer sich selbst aufgibt, liebt weder sich noch den andern, sondern sucht in der Hingabe vielleicht nur die Bestätigung. Nächstenliebe, die die eigene Seele auslöscht, ist keine Liebe, sondern ein Opfer, das niemand verlangt hat.
Aufmerksamkeit ist dabei eine Übung. Den sehen, der übergangen wird, bevor man urteilt. Das ist etwas anderes, als die Nächstenliebe zur Haltung zu erklären. Es beginnt damit, dass man hinsieht, dass man eine Not von einer Vermutung unterscheidet.
Und Liebe hat Grenzen, nicht weil sie kleinlich ist, sondern weil sie konkret wird. In der Geschichte verbindet der Samaritaner die Wunden, trägt den Mann auf das eigene Tier, bringt ihn in eine Herberge, zahlt dem Wirt und verspricht, beim Rückweg den Rest zu begleichen. Er tut, was möglich ist, und er tut es mit dem Wirt. Er gibt nicht sein ganzes Leben auf, er teilt die Verantwortung. Das ist ein Hinweis. Hilfe muss nicht grenzenlos sein und muss nicht allein getragen werden. In der sozialpolitischen Debatte ist umstritten, was der Einzelne leisten kann und was der Gemeinschaft, der Kommune, dem Staat zufällt; die Bundeszentrale für politische Bildung zeigt, wie bürgerschaftliches Engagement gegen staatliche Verantwortung ausgespielt werden kann. Wer einen hilfsbedürftigen Menschen zugleich zur Lösung aller Sorgen macht, überfordert ihn. Die Geschichte gibt dafür keinen Auftrag.
Heute
Eine kleine Übung für die Woche: Nimm wahr, worin eine einzelne Not besteht, die dir über den Weg läuft. Dann wähle eine Antwort, die zu deiner Kraft passt. Nicht die große Rettung, sondern ein Schritt, der dem andern und dir zumutbar ist. Ein Anruf, eine Auskunft, eine Begleitung, eine geteilte Anfahrt. Frage zugleich: Was verlangt die Liebe, und was verlangt sie nicht? Wem gehört diese Verantwortung, und wo darf ich sie abgeben? Es ist nicht schlechter, sondern genauer, die eigene Grenze zu kennen, weil die Grenze nicht das Ende der Aufmerksamkeit ist, sondern ihre Bedingung. Der verwundete Mann am Straßenrand braucht nicht jemanden, der alles übernimmt. Er braucht jemanden, der hält, und andere, die weitertragen.